Nazis und Israel

Vorgestern ist im Internet eine Art Manifest der „Nationalen Sozialisten für Israel“ aufgetaucht. Darin sprechen sich die Verfasser_Innen für die Solidarität mit dem jüdischen Volk aus.

Auch wenn sich der Nationale Widerstand und vorallem neurechte Strömungen seit Jahren in einem Wandel befinden, so existiert doch noch immer in großen Teilen unserer Bewegung ein festverankertes antisemitisches Weltbild. „Der Jude ist an allem Schuld“ ist der Tenor nur allzuoft, ohne sich intensiv mit den gesellschaftlichen Problem auseinanderzusetzen. Es ist schließlich auch einfacher, ein einzelnes Feindbild zu inszenieren und ihn als „das Böse“ schlechthin zu dämonisieren, anstatt sich tiefergründig mit den komplexen Ursachen zu befassen. Mittlerweile haben wir uns längst von veralten White-Power Denken verabschiedet und gestehem jeden Volk ein Recht auf freie Entfaltung zu. Außer Israel, dass hat von der Landkarte zu verschwinden. Aber warum? Eine schlüssige Antwort darauf blieb seit Jahren aus, statt dessen wird mit billigen Phrasen und Klischees Stimmung gemacht und ein Feindbild konstruiert. […]

Wir sind jedoch im Jahre 2007 an einem Punkt angekommen, wo wir jeden Menschen wertschätzen und nicht mehr in höher- und minderwärtig klassifizieren. Jede/r intelligente Kamerad/in sollte sich darüber bewusst sein und nicht der weitverbreiteten Unreflektiertheit verfallen, in der die Ursachen von Kapitalismus und Globalisierung auf ein einziges Volk bzw. einen Staat projeziert werden. Auch Israel hat ein Existenzrecht. Auch dieses Volk hat Kultur und Eigenarten die es zu schützen bedarf, auch das israelische Volk ist wertvoll. Deshalb stehen wir hinter dem Existenzrecht Israels, weil auch dem israelische Volk eine Identität und Souveränität innerhalb einer Nation als Grundrecht auf Selbstbestimmung zugestanden werden muss. […]

Es gilt jedem Volk an seinem angestammten Lebensraum zu achten, denn schließlich sind wir alle Bestandteil einer großen Völkerfamilie. Nationaler Sozialismus bedeutet die Liebe zum eigenen Volk, und nicht der Hass auf andere Völker. Jedes Volk hat seine Tradition, sein Territorium und seinen Platz in der Geschichte – und dazu gehört auch Israel.

Hier fordern Neonazis, vermutlich aus dem Umfeld der so genannten „Autnonomen Nationalisten“ mit rassistischem Vokabular die Solidarität mit dem Staat Israel. Das Ganze klingt selbst für Szenekundige zunächst einmal nach einem schlechten Witz. Nazis und Israel passen traditionell so wenig zueinander wie Antideutsche und das antisemitische Regime des Iran. Also alles nur gefaked? Dem Tagesspiegel zufolge schließen Verfassungsschützer nicht aus, dass der Text tatsächlich aus rechtsextremen Kreisen stamme.

Falls es sich tatsächlich um einen Fake handeln sollte, haben die Urheber_Innen gute Arbeit geleistet. Mit ihrer Argumentation knüpfen die Verfasser_Innen an traditionelle völkisch-antisemitische Denkweisen an. Die Forderung nach der freien Entfaltung aller Völker in ihren eigenen Territorien wird seit Ewigkeiten von der rechten Szene in genau dieser Form artikuliert. Die pro-zionistische Haltung der „Nationalen Sozialisten für Israel“ mag zunächst einmal positiv klingen, bedeutet sie doch eine Abkehr von dem Wunsch nach Vernichtung des israelischen Staats, allerdings ist die Argumentationsweise der Nazis hochgradig rassistisch & antisemitisch. Die Forderung nach einem rein jüdischen Nationalstaat impliziert im Endeffekt die Hoffnung, dass sich alle Jüd_Innen aus der Diaspora in diesen Nationalstaat zurückziehen – der ewig gehegte Traum der Nazis von einem judenfreien Europa würde Realität werden. Was die israelsolidarischen Nazis nicht verstanden haben und vermutlich nie verstehen werden: der Staat Israel wurde als Konsequenz aus der Shoah gegründet. Seine Einwohner_Innen stammen aus allen Erdteilen – alles, was sie verbindet, ist der Umstand, dass sie andernorts wegen ihres Glaubens oder ihrer Abstammung verfolgt werden würden. Von einer „Volksgemeinschaft“ wird daher nie die Rede sein können (davon einmal abgesehen glaube ich generell nicht an die Existenz irgendwelcher „Volksgemeinschaften“).

Egal ob Fake oder nicht. Eines haben die Urheber_Innen der Page schon jetzt erreicht. Sowohl in linken Kreisen als auch in diversen NS-Foren wird, angeblich Teils äußerst kontrovers, über die Thematik diskutiert. Auf diese Debatten möchte ich nicht näher eingehen, da die dort geäußerten Argumente wahrscheinlich allen interessierten Leser_Innen bereits bekannt sein dürften und jede/r Interessierte sich an bekannten Stellen selber ein Bild machen sollte. Der Tagesspiegel berichtet, dass sich in Nazi-Kreisen bereits erste Befürworter dieser bizarren neuen inhaltlichen Ausrichtung gefunden haben sollen:

Deshalb finden sich nun in Neonazi-Foren auch Stimmen, die den „Nationalen Sozialisten für Israel“ beipflichten. „Der deutsche Nationalismus muss sich endlich vom dogmatischen Antisemitismus befreien“, schrieb ein Rechtsextremist auf der Altermedia-Homepage. Ein anderer verwies auf Parallelen zu den links-autonomen „Antideutschen“, die pro Kommunismus, USA und Israel agitieren.

Das Letzterer mit seiner Einschätzung völlig daneben liegt, ist offensichtlich, lehnen Antideutsche doch jedweden Nationalismus ab und fordern die Überwindung aller Nationalstaaten ein.
Wie dem auch sei, die Pro-Israel-Nazis haben ihre Positionen szene-öffentlichkeitswirksam dargelegt. Bleibt abzuwarten, wie sich diese inhaltliche Strömung weiter entwickelt. Und vielleicht ist ja doch alles nur ein schlechter Witz…


2 Antworten auf “Nazis und Israel”


  1. 1 Nationale Sozialisten für Israel - Einordnung und Rezeption | Hot Action News Pingback am 17. Mai 2008 um 14:35 Uhr
  2. 2 planet blogsport « im*moment*vorbei Pingback am 18. Mai 2008 um 2:36 Uhr
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